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Weiblich, gewissenhaft und schlecht in Mathe

 

Eine Typologie der Kommunikationsdesigner in Deutschland

Interviews

Als Gegenstück zu den Umfragen sollen in Interviews Einzelpersonen aus dem Umfeld der Kommunikationsdesigner zur ihren Meinungen sowie Ansichten, Erfahrungen, Erinnerungen und Interpretationen befragt werden. Durch die Interviews mit Personen aus dem Umfeld der innerhalb der Umfrage definierten Personengruppen (Hochschule und Agentur/Unternehmen) wird ein Perspektivwechsel vollzogen. Im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit wurden zwei Interviews geführt. Bei den Interviewpartnern handelt es sich um Brian Switzer, Studiendekan des Studiengangs Kommunikationsdesign (Bachelor und Master) an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz und Jochen Rädeker, Geschäftsführer des Designbüros »Strichpunkt«.

Brian Switzer

Jochen Rädeker

Brian Switzer, M. Des., B. F. A., ist Professor für Kommunikationsdesign an der HTWG Konstanz und Gründungsmitglied des IPS (Institut für professionelles Schreiben). Er erwarb den Titel eines ›Bachelors of Fine Arts‹ in Grafikdesign an der University of Illinois in Champaign-Urbana und den Titel als ›Master of Design‹ in ›human centered design‹ und in strategischer Designplanung am Institute of Design des Illinois Institute of Technology in Chicago. Seine internationale Karriere als Designer und Markenstratege führte ihn zu ›MetaDesign‹ in London und Berlin, zu ›Future Brand‹ in London, zu ›Icon Medialab‹ in London und Mailand, zur ›Siemens design group‹ in München und zu ›WGBH Design‹ in Boston.

»Am Anfang gilt für alle: Es ist egal,

wo sie herkommen.«

Die Unterstützung, die den Studenten durch ihre Eltern gegeben wird, ist wahrscheinlich auch in irgendeiner Weise von der beruflichen Qualifikation der Eltern abzuleiten. Ich hab herausgefunden, dass die meisten Studenten oft immateriell, also mit Zuspruch und ›Du schaffst das!‹ und ›Wir stehen hinter dir!‹, bestärkt werden. Allerdings schon auch viele oder einige, wo es eher neutral verläuft oder die Eltern nicht dahinter stehen. Dann gibt's einige, die auch finanzielle Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Allerdings arbeiten die meisten neben dem Studium noch oder benötigen sogar alles zusammen: Unterstützung, Nebenjob und BAföG.

 

Ich glaube, Unterstützung von daheim hilft immer. Ob immateriell, finanziell oder sonst was, das merke ich. Generell sind die Leute entspannter, weil sie wissen, da ist ein Sicherheitsnetz und überhaupt, dass es geschätzt wird. Und das hilft. [...] Wo das Elternhaus nicht mehr da oder kaputt ist und sie sich selbst durchbeißen. Dadurch sind die manchmal auch erwachsener, weil sie einfach auf eigenen Füßen stehen müssen.

 

Ich habe auch noch herausgefunden, dass der Großteil der Eltern der Studenten eine Lehre oder eine Fachschulausbildung haben. Knapp dahinter folgt der Universitätsabschluss. Also stehen sich da zwei Kontraste gegenüber. Bodenständige Lehre oder eben der Universitätsabschluss. Das kommt hier zusammen.

 

Es gibt Abiturienten und Zweitbildungswegler und ich würde sagen, das ist je nach deutschem Bildungsweg und nach Familienherkunft schon vorsortiert, ob man Abitur macht oder ne Lehre. Deutschland hat da halt ein Klassensystem und das Schulsystem spiegelt das wieder. Die beiden Welten prallen hier aufeinander. Aber auch das ist wieder der bunte Blumenstrauß. Beide bringen was mit. Beide haben neue Herausforderungen. Ganz oft tun sich die Abiturienten mit der Technik schwer. Meine Erfahrung ist echt Programm. Datenerhebung ›Was? Wie? Weiß nicht, wie das geht.‹ [...] Und dann ›Ich muss das jetzt machen‹ und die anderen, die schon eine Lehre haben, wissen schon, wo alle Knöpfe sind und wie's geht usw. Aber so mit dem Abstrakten, Freigeistigem tun sie sich dann eher schwer. ›Wie? Du sagst nicht, wie das genau zu machen ist? Warum? Was soll ich denn jetzt machen?‹ Diese beiden Welten bereichern sich gegenseitig. Das finde ich auch ganz bereichernd, weil das auch ein bisschen die Arroganz abbaut. Die merken dann, da braucht man eigentlich beide Sachen.

 

[…] Sollte für die Leute, die sich für den Studiengang interessieren eine Voraussetzung gelten, dass sie sich schon im Klaren darüber sind, wo es hingehen soll? Oder ist das an dem Punkt noch unwichtig, wenn wir jetzt von dem Bachelorstudiengang ausgehen?

 

Ich find's manchmal interessanter, die Leute ungeformt zu haben. Das merke ich manchmal bei Leuten, die schon eine Berufsausbildung haben. Dass die schon sagen, sie seien bisschen verbildet oder schon sehr stark in eine Richtung tendierend. Die haben auch schon die Einstellung ›Ich weiß das ja schon‹ und hören dann nicht mehr so zu oder wollen nicht mehr so zuhören und legen manchmal eine leichte Arroganz an den Tag. Das find ich immer schade. Ich finde auch die Leute ganz interessant, die oft aus ganz ande- ren Richtungen kommen und die eher aus dem Bauchgefühl heraus aufgetaucht sind. Die würde ich nicht missen wollen. Wenn wir dann die Verfahren so stricken, dass wir sagen ›Nein, wir wollen nur die Leute‹ und dann müsste man richtig was vorschalten wie die Schweizer mit dem Vorkurs. Das könnte man machen, aber das produziert dann sehr leicht eine reinrassige Gruppe und ich weiß nicht, ob das für uns so gut wäre.

 

Bauchgefühl, die Atmosphäre im Studiengang, der Umgang mit den Leuten, aber auch die Ausrichtung des Studiengangs und das Studienprogramm selber sind die wichtigsten Gründe, sich für eine Hochschule zu entscheiden. Und dann kommt eher das zwischenmenschliche. Wie ist die Stimmung? Wie ist die Atmosphäre? Fühlt es sich gut an oder fühlt sich schlecht an, wenn man da ist. Das sind die hauptsächlichen Punkte.

 

Da würde ich unterscheiden zwischen Bachelor und Master. Ganz deutlich. Da merke ich, da sind die Leute ganz unterschiedlich unterwegs. Bachelor wissen in der Regel nicht, was sie erwartet und gehen viel stärker nach Bauchgefühl oder kennen jemanden oder haben was gehört. Das ist relativ typisch. Das höre ich auch von anderen Hochschulen. Beim Master ändert sich das ganz stark. Die Leute suchen etwas Spezifisches oder ein spezifisches Programm oder eine spezifische Person und die informieren sich viel mehr und gehen weiter weg, um das zu bekommen, was sie haben wollen. Kann auch Ausland sein. Denen ist es dann egal und da gibt's einen ganz großen Unterschied zwischen den beiden. [...]

[Die Master haben] schon eine Basis erreicht [...] und mehr über sich selber rausgefunden [...], wo die Stärken oder Interessen liegen. Und da gibt's dann natürlich innerhalb des Kommuniktions- designs mehrere Sachen, die man machen kann. Also je nach dem, wo die Interessen liegen. Manche kommen auch aus einem leicht verwandten Studium und merken ›Das war's nicht ganz‹.

 

Meinst du, es gibt noch große Unterschiede zwischen Bachelor, Diplom und Master?

 

 […] Ich glaube, sobald die Leute drin sind sind sie happy, wenn sie ein Diplom haben, weil es einfach mehr Zeit ist. Ich glaube, die Leute werden merken, sobald sie hier sind ›Oh das ist ja richtig schnell vorbei‹. Deswegen haben wir da diese 6-Plus-Geschichte ins Leben gerufen oder einfach so toleriert und auch unterstützt.

 

Wird ja auch wohlwollend angenommen.

 

Ja, um einfach zu sagen ›Dreht noch mal eine Runde oder zwei. Bleibt doch noch mal ein bisschen, wenn ihr wollt.‹ Wir haben's nicht eilig oder so. Das ist so unser Verbiegen des Systems. Sehen wir auch im Master ähnlich. Also wenn ihr dann ein bisschen länger bleiben wollt, dann macht's doch. Das ist auch kein Thema. Ich glaube, so rum kann man dass dann auch besser verstehen. Das ist aber wieder so… Mit wie viel Wissen gehe ich ins Studium hinein? Ich glaube nach wie vor, dass die Leute keine wirklich Ahnung haben.

 

Es hat sich herausgestellt, dass ein Großteil der Grundstudiumsleute ›Träumer‹ und ›Psychologen‹ sind. Das heißt, dass die befragten Studenten hauptsächlich theoretisch denken und geplant leben. Also nichts mit der ›spontanen Lebensweise‹, die alle so feiern und sagen ›Kommste heute nicht, kommste morgen‹. Stattdessen ist es so, dass sich dieser planende Charakter schon relativ stark durchzieht. […] Die zweite Gruppe sind hauptsächlich ›Psychologen‹ und die dritte Gruppe, die Master, sind ›Wissenschaftler‹ und ›Komiker‹. Um die einzelnen Persönlichkeiten noch mal näher zu veranschaulichen: Der ›Komiker‹, was einen Teil der Master ausmacht, agiert extrovertiert, denkt theoretisch, interagiert kooperativ und lebt spontan. Dazu kommt noch der Neurotizismus, wo zwischen ›emotional empfindlich‹ und ›emotional resistent‹ unterschieden wird und daraus ergeben sich mit der Kombination unterschiedliche Persönlichkeiten. Meine Frage an dich: Hättest du von vorneherein gedacht, wenn du die Studenten hier tagtäglich siehst, dass diese theoretische Denkweise und das Geplante im Leben relativ weit oben steht in der Rangliste der Eigenschaften oder relativ oft vertreten sind im Gegensatz zu dem Spontanen und eher Praktischen?

 

Jetzt hab ich was, was dir wahrscheinlich nicht schmecken wird, aber as ist mir ehrlich gesagt egal. Wenn ich die Lehre mache, dann ist es meistens so, dass ich alle abholen muss und das passiert immer zu etwas unterschiedlichen Zeitpunkten. Zumindest im Grundstudium hab ich das so, dass ich kleinere Aufgaben habe, die unterschiedliche Typen ansprechen. Dass jeder die Chance hat, zu brillieren und trotzdem zu sehen, wo die eigenen Grenzen sind. Das funktioniert relativ gut, aber dann ist es mir Jacke wie Hose, wo die anfangen. [...] Also, wo ich einen Nutzen dafür sehen könnte, wäre bei der Teambildung. Weil ganz oft (und das ist etwas, wo ich nicht hineinschaue) kommt es dann doch zu relativ großen Konflikten innerhalb eines Teams, wo die Dinge nicht funktionieren. [...] Ich würd gerne beobachten, was da tatsächlich passiert. Du musst dann eigentlich wissen, wer die Persönlichkeiten sind und was in der Situation, in verschiedenen Situationen passiert.

Jochen Rädeker ist Professor für Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt ›Corporate Design und Corporate Identity‹ an der HTWG Konstanz. Nach seinem Grafikdesignstudium an der Kunstakademie Stuttgart war er Mitgründer des Designbüros Strichpunkt, dessen geschäftsführender Gesellschafter er bis heute ist. Strichpunkt gehört mit Sitz in Stuttgart, Berlin und München zu den größten Designbüros im deutschsprachigen Raum, wurde mit über 600 internationalen Awards ausgezeichnet und ist seit über einem Jahrzehnt konstant in den Top 10 der Kreativrankings vertreten. Von 2003 bis 2012 war Rädeker Vorstandsmitglied des Art Directors Club Deutschland (ADC) und leitete den ADC von 2009 bis 2012 als Vorstands- und Präsidiumssprecher. Jochen Rädeker hat zahlreiche Fachbücher zum Thema Design, Unternehmenskommunikation und Reporting verfasst, ist gefragter Juror im In- und Ausland und vertritt seine Positionen regelmäßig in Artikeln, Interviews, Vorträgen und Seminaren in Deutschland, Europa und den USA.

[Ich habe] festgestellt, dass eigentlich viele der Teilnehmer – da kann ich jetzt nicht für alle in einem Unternehmen sprechen, weil nicht alle teilgenommen haben – Frauen sind. Etwa 70 zu 30.

 

Ja klar, aber das gleicht sich aus. Der Großteil der Anfänger sind Frauen, der Großteil der Führungskräfte sind Männer. Das liegt an dem biologischen Faktor, dass man irgendwann Babys bekommt und sich viele Frauen (und immer noch mehr Frauen als Männer) entscheiden, nach der Babypause nicht in den Job zurückzukehren. Bei uns in der Agentur ist es glaub ich tatsächlich ziemlich genau 50/50. Aber wenn wir auf die Hierarchie-Ebenen schauen, sieht das anders aus. Dann haben wir mehr weibliche Angestellte in den niedrigeren Positionen als in den höheren. Da sind wir eine der rühmlichen Ausnahmen. Ich kenne aber die Interviews aus der Page usw. Wir haben eine fünf- köpfige Geschäftsleitung in der drei Frauen sitzen. So, wenn wir auf die zweite Ebene gehen, im Kreativbereich haben wir dann drei Kreativdirektoren, die alle männlich sind. Wir haben allerdings in der Verwaltung zwei Positionen auf gleicher Höhe, wo wieder Frauen drinsitzen. Das heißt, wenn wir die ersten zwei Führungsebenen bei Strichpunkt sehen, dann sind wir bei 50/50 und dann kommt eine mittlere Führungsebene, die deutlich männlicher betont ist und dann kommt der Mitarbeiterpool, der deutlich weiblicher betont ist. In Summe gleicht sich's aus. [...]

[Dass der hierarisch niedrigere Arbeitsplatz quasi frauenüberlastet und der andere unterlastet ist,] hat mit zwei Faktoren zu tun. Einer ist designspezifisch, der andere ist gesellschaftsspezifisch. Der Gesellschaftsspezifische bedeutet, der deutschen Gesellschaft ist es nach wie vor nicht gelungen, Strukturen zu schaffen, in denen Frauen genau so gut Karriere machen können wie Männer. Kinder kriegen wird als Karriereknick angesehen und ist es in der Regel auch.

      Der Zweite ist designspezifisch. Designer sind im Durchschnitt schlechter bezahlt als andere akademische Berufe und es ist ein Beruf, der mehr Frauen anspricht. Wir haben hier in den Hochschulen 75 % Bewerberanteil auf der weiblichen Schiene. Die Kombination ›Ich bin eine Frau und ich verdiene weniger‹ führt zum Beispiel im Bereich der Familiengründung dazu, dass bei der Überlegung, welcher Partner aussetzen muss, um die Kinderbetreuung zu überneh- men, es fast zwingend dazu führt, dass der Besserverdiener wei- ter arbeiten geht. Und meistens ist das in einer Beziehung, in der ein Designer ist, weil die jungen Designer zur großen Mehrheit weiblich sind, der Mann, der weiter arbeitet. Dann hört die Frau auf und das verstärkt den Effekt noch.

»In den meisten anderen Agenturen ist die Führungsebene ganz deutlich überwiegend männlich und die Mitarbeiterebene über- wiegend weiblich.«

Meinst du, dass es mit der mit der Herkunft der Leute zusammen hängt, ob sie im Team miteinander funktionieren? Also aus welchem Elternhaus sie kommen, aus welchen Verhältnissen, aus welcher Umgebung sie kommen? Großfamilie, Kleinfamilie, aus nem Dorf, aus der Großstadt…

 

Ja, natürlich bringt jemand, der in einer Großfamilie auf dem Dorf aufgewachsen ist, andere soziale Gepflogenheiten mit als ein Singlekind aus einer urbanen Umgebung. Auf der anderen Seite [...] haben 95 % der Leute auch schon ihr Studium hinter sich, in dem sie in der Regel schon aus den rein familiären Regeln rausgekommen sind. Aber klar merkt man den Leuten unterschiedliche Eigenschaften an. Da gibt's die Alphatierchen, da gibt's die sozial Uneingestellten, da gibt's die Eigenbrödler, da gibt's die Designer, die sofort ihre Kopfhörer aufsetzten, wenn sie morgens zur Arbeit kommen und andere, die erst mal an der Kaffeemaschine ne halbe Stunde plaudern. Es gibt Leute, die das gemeinsame Frühstück als gemeinsames Frühstück verstehen, es gibt welche, die nehmen sich ne Schale Müsli und setzten sich an ihren Arbeitsplatz.

»Von unseren Mitarbeitern sind 95% Aka-
demiker mit einer abgeschlossenen Hochschulausbildung im Bereich Design oder Betriebswirtschaft.Und dann gibt's ein
paar Quereinsteiger, aber das ist die ver-
schwindende Minderheit.«

[…] Wir haben eine Fakultät für Architektur und Gestaltung mit interdisziplinären Angeboten, in denen zum Beispiel im Bachelor von jedem Studierenden aus Kommunikationsdesign gefordert wird, vier ECTS-Punkte bei den Architekten zu machen. Tolle Idee, aber aus einer Zeit, in der die Nähe zwischen Designern und Architekten sehr groß war. Messestandgestaltung beispielsweise. Heute würd ich mir wünschen, dass das Curriculum sagt, ihr müsstet mindestens zehn ECTS- Punkte von den Informatikern holen. Lernt coden. Das ist aber nicht Bestandteil des Curriculums, und da wir unseres erst im letzten Jahr renoviert haben und da noch Akkreditierungsbehörden dazu kommen, wird es frühestens in fünf Jahren möglich sein, rein rechtlich einem Studenten für einen Kurs bei den Informatikern Credits zu geben, die er wirklich sinnvoll in sein Zeugnis einbauen kann. Da sind die Hochschulen zu langsam mit ihrer Struktur. Es gibt immer die Studenten, die sich das selber suchen und das kann ich auch nur jedem empfehlen. Scheiß was auf die ECTS-Punkte, die wir dir hier geben. Du brauchst ausreichend um deinen Bachelor zu machen. Geh rüber zu den Informatikern und code, code, code. Du wirst für 2.000 € mehr im Monat eingestellt werden, wenn du's kannst. Du wirst eine Blitz-Karriere machen. Du wirst das, was du ausdrücken möchtest, in den Medien, die für Kunden relevant sind, besser machen. Tu das. Das Curriculum sieht es aber nicht vor. Ich denke, das ist mit der Grund, dass viele Designer, die ein reguläres Studium absolviert haben, zu wenig wissen in diesem Bereich.

»Es gibt bei 100 Leuten völlig unterschied-
liche Typen und deswegen sind für uns
immer zwei Einstellungskriterien, und zwar wirklich zu 50/50, entscheidend. Das
eine ist die fachliche Eignung und das andere
ist die menschliche Passung.«

Die Leute, die weniger als fünf Jahre im Beruf sind, sind hauptsächlich der Typ »Lehrer« . Das bedeutet sie agieren extrovertiert (hoher Grad an Extraversion), denken theoretisch (hoher Grad an Offenheit), interagieren kooperativ (hoher Grad an Verträglichkeit) und leben geplant (hoher Grad an Gewissenhaftigkeit). Kannst du das bei den Leuten, die weniger als fünf Jahren im Beruf sind, sehen? Spiegelt das das Bild wieder, was du von den Leuten hast?

 

Ja, das sind meistens Leute, die sehr engagiert sind, die einen Karriereplan für sich haben, ganz individuell weiter zu kommen, in der Hierarchie zu klettern. Es sind in der Regel motivierte Leute, die auch (was jetzt uns betrifft) froh sind, in einer sehr renommierten Agentur überhaupt ein Job bekommen zu haben. Sich da gegen ein Bewerberfeld durchgesetzt zu haben, dazu brauchen sie schon ein paar Eigenschaften, wie Offenheit. Das sind in der Regel keine Leute in sehr hohen Positionen. Mit anderen Worten brauchen sie Teamfähigkeit, diese Kooperationsbereitschaft um überhaupt erfolgreich sein zu können. Das Studium ist schlicht zu kurz und ich empfehle deswegen jedem, der sich das leisten kann, einen Master zu machen. Damit er wenigstens zehn Semester hinter sich hat. Nicht nur weils da um technisches, fachliches, intellektuelles Know-How geht, sondern weil man fünf Jahre mehr Zeit hat zur Persönlichkeit zu werden. Und ohne eine Haltung, ohne Persönlichkeit hat man in dieser Branche keine Chance. Meine feste Überzeugung.

Und ich meine mir das einbilden zu können, sowohl als Prof als auch als Geschäftsführer schon einen Unterschied zu sehen zwischen den Leuten, die hier stolz ihre Bachelorurkunde in der Hand halten und denen, die ihren Master gemacht haben. Das sind gereiftere Persönlichkeiten und die werden auch weniger Schwierigkeiten haben, sich in einem Agenturumfeld durchzusetzten, wo sie sich wieder irgendwo einreihen müssen. Die werden das erst mal verkraften können.

»Je Verantwortung, desto ›Kommandeur‹.«

Ich hab vor kurzem gelesen, dass in Skandinavien wohl jetzt ein neues System eingeführt wurde, und zwar der 6-Stunden-Tag. Weil festgestellt wurde, dass die Leute dann über die Dauer der Arbeitszeit konzentrierter und leistungsstärker sind.

 

Aber zu deutlich höheren Kosten für den Arbeitgeber. Weil man für jeden Personalmenschen einen Stammkostensatz hat in der Verwaltung, in den Sozialabgaben usw. Das ist ne Gewerkschaftsfantasie, ums mal ganz böse zu sagen. Wir arbeiten nicht mit Stechuhren. Ob jemand von neun bis 18 Uhr da ist oder von acht Uhr bis 16 Uhr oder ob er mittags einkaufen geht und dafür abends weiterarbeitet ist mir völlig egal. Ich kann es auch nicht kontrollieren. Ich erwarte von Leuten, die Kundenkontakt haben, dass sie zu den Arbeitszeiten zu denen unsere Kunden uns ansprechen wollen, da sind, aber es gibt total unterschiedliche Typen.

Das ist eine klassische betriebswirtschaftliche Kenngröße. Man geht davon aus, dass ein Arbeitnehmer, egal übrigens wie lange er arbeitet, nur 70% dieser Zeit wirklich leistungsfähig ist. Den Rest ist er auf dem Klo, an der Kaffeemaschine, schwätzt mit dem Nachbarn, hat ne Raucherpause, kriegt's nicht auf die Reihe, hat nen schlechten Tag, privates Gespräch usw.… ist vollkommen normal.

Die Belastungsgrenze ist bei unterschiedlichen Leuten unterschiedlich hoch und es gibt Leute, die musst du abends um elf aus der Agentur raus treten, weil sie so Lust haben, noch weiter zu arbeiten und die in dieser Zeit super effektiv sind. Es gibt andere Leute, die sitzen abends um zehn verzweifelt da, weil sie den ganzen Tag nix auf die Reihe bekommen haben, sich aber nicht getraut haben, mal spazieren zu gehen und den Kopf frei zu lüften und jetzt versuchen, das abends wieder nachzuholen. Die sind total ineffektiv in dieser Zeit und müssten mal drei Tage in Urlaub gehen und wären dann vielleicht wieder in der Lage. Und es gibt Leute, die sind, da zähl ich mich selber auch dazu, viel leistungsfähiger wenn sie mal am Stück 14 h an einem Thema arbeiten. Das heißt dann eben bis morgens um eins. Aber dann gehst du glücklich aus dem Laden raus und weißt, was du geschafft hast und bist vielleicht in diesen 14 h fünf mal so produktiv, wie wenn es sieben mal zwei Stunden gewesen wären, die du an dem Thema arbeiten konntest. Das ist typenabhängig. Dementsprechend, glaube ich, ist es wichtig, flexible Arbeitszeitmodelle anzubieten.

»Die Werte [...] wenden sich ab von Romantik im Job und hin zu konkretem Tun zu eher Nachdenken darüber, was getan werden sollte, wenn ich das mal so clustern kann.
Das halte ich für eine normale Entwicklung.«

[Ich habe] mich auch damit beschäftigt, was für Tätigkeitsfelder die beschäftigten Personen am ehesten und am liebsten ausführen. Und da kommt's bei den etwas jüngeren Berufstätigen zu Konzeption, Branding, Illustration und Grafik und bei den Professionals zu Konzeption, Beratung, Branding und digitalen Medien. Beudeutet, dass Konzeption und Branding schon immer relativ oft vertreten oder halt gern und auch viel gemacht werden und sich dann aber Illustration zu digitalen Medien weiter entwickelt. Was jetzt wiederum eine Frage des Alters der Person ist. In den letzten Jahren hat sich das mit den digitalen Medien ja auch stark weiterentwickelt. Da ist viel dazu gekommen, UX/UI-Design und so weiter (was auch oft als sonstiges Tätigkeitsfeld genannt wurde). Und zwar wäre doch die quasi logische Reihenfolge, dass die jüngeren Leute sich mehr mit den digitalen Sachen beschäftigen, allerdings ist das jetzt genau anderst rum.

 

Ich bin jetzt Chef einer Agentur mit 100 Leuten und wenn ich jetzt noch große Lust hätte mit der Hand am Arm in Indesign oder Illustrator Vektoren zu zeichnen, dann würde ich meinen Job wahrscheinlich nicht gut machen. Ich liebe aber meinen Job. Mein Job ist heute viel eher eine komplexe Aufgabenstellung beim Kunden anzuhören, eine strategische Idee daraus zu entwickeln und dann vielleicht auf nem Karoblatt was aufzuscribbeln und mich mit dem Kreativdirektor darüber zu unterhalten, ob das ein Ansatz wäre, aus dem sich gute Ideen entwickeln lassen. Dann Dinge die zurück gespiegelt werden zu beurteilen, zu kritisieren, Erfahrung weiter zu geben, zu sagen ›Tolle Idee, aber da wird man an ein Ende kommen, das du vielleicht noch nicht siehst‹. Und das macht mir Spaß.

Je länger du in einem Job bist desto eher wirst du auch zu schätzen wissen, dass du vielleicht Dinge nicht mehr selber machen musst, sondern dein Wissen teilen kannst und dadurch viel stärker wirst. [...] Strategie und Konzeption heißt ein tiefes Verständnis dafür zu entwickeln, was ein Kunde will, was die Schwierigkeiten in nem Job sind, voraus denken zu können und das kannst du mit mangelnder Erfahrung nicht. Deswegen glaube ich, dass diese Punkte auch bei senioren Leuten auch mehr Spaß machen. Schlicht weil sie da reinwachsen. Weil da neue Herausforderungen kommen, Türen aufgehen und man ja auch Kollegen hat, die andere Dinge dann entsprechend machen können, die man davor schon kannte. Und neugierig zu sein, ist ein wesentliches Kriterium in dieser Branche. Wenn du Artdirektor bist und ganz toll zeichnen kannst, dann willst du vielleicht irgendwann darüber nachdenken, was du da zeichnest und dann geht die nächste Tür auf. Das ist eigentlich eine logische Entwicklung, weil Verständnis mit Erfahrung zu tun hat.

Was die digitalen Medien angeht zum Thema Illustrationen, ich glaube das hat einerseits was mit Romantik zu tun und Joberfahrung. 90% der Jobs, die grade kommen sind digital und leider keine Bilderbuchillustrationen. Ein Mensch, der in den Hierarchien in ner Agentur oder Kreation höher geklettert ist, wird das einfach sehen, dass seine Kunden mehr digitale Jobs brauchen als Illustrationen und entsprechend wird er, wenn er in dieser Branche weiter sinnvoll überleben möchte, sich eher darum kümmern müssen.

»Das ist die Erkenntnis der Realität.

Die Erkenntnis eines jungen Designers ist
›Ich bin voller sprudelnder Ideen und jetzt gehe ich in eine Agentur, die geile Kunden hat
und für die kann ich geilen Scheiß machen‹.«

Ich hab bei den Leuten, die an meiner Umfragen teilgenommen haben, auch nach bestimmten Aspekten im Berufsleben gefragt, wie wichtig, bzw. wie unwichtig sie diese finden. Den Young Professionals geht es bei der Wichtigkeit hauptsächlich um ein gutes Betriebsklima, interessante Arbeitsinhalte, spannende Projekte und die Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen. Dazu hat sich bei den Professionals nicht so viel verändert, außer dass das Interesse, eigene Ideen verwirklichen zu wollen sinkt. Dafür aber die weitgehend eigenständige Arbeitsplanung in der Wichtigkeit steigt. Ist das ein nachvollziehbarer Prozess?

 

Die Erkenntnis nach ein, zwei, drei Jahren ist: ›Das sind Kunden, die sehr genaue Vorstellungen davon haben, was sie wollen‹. Sie beauftragen die Agenturen in einem relativ engen Rahmen und meine kreativen Ideen sind gar nicht so gefragt. Viel wertvoller wird mir deswegen, nicht zu machen was ich will, mein Projekt zu machen, sondern innerhalb der Arbeiten, die ich vorgegeben bekomme, einen größten möglichen Freiraum zu haben. Das halte ich für eine ganz logische Entwicklung. Eigentlich weg von der Illustration. Illustration ist toll, braucht aber niemand oder braucht man nur sehr selten. Niemand wäre Blödsinn. Hin zu der realen Erkenntnis, dass ich mich vielleicht besser auf Prototyping konzentriert hätte statt auf Illustration im Studium.

Das ist die gleiche Erkenntnis, wenn du dich selbstverwirklichen willst. Mach dich selbstständig. Erwarte nicht, dass du Geld verdienst, sondern komm irgendwie über die Runden, und wenn du dich erfolgreich selbstständig machst, wirst du ganz schnell feststellen, dass du das in der Regel nur tun kannst, indem du Jobs machst, die du gar nicht so gern machen willst. Die bezahlt werden. Also wirst du deine Freiheitswünsche eher wo anders ausleben.

[Bezüglich des Punktes, dass gemeinsame Unternehmungen außerhalb des Büros als sehr unwichtig angesehen werden [...] merke ich, dass es ein großes Interesse daran gibt, sich an Außeragenturveranstaltungen, an gemeinsamem Kochen, Abendessen, irgendwo hingehen, Agenturausflug oder so, zu beteiligen. Ich weiß aber auch, dass es gerade bei den Jüngeren das Interesse gibt, zu sagen: ›Nö, da hab ich jetzt Zeit für meinen Partner und lasst mich mit Privatveranstaltungen dann in Ruhe.‹ Da ist vielleicht gerade ein Umbruch, das weiß ich nicht.

Die aktuelle Generation der arbeitssuchenden jungen Designer stellt viel häufiger die Frage nach Teilzeitarbeit, nach 4-Tage- Wochen, als das früher der Fall war und will trotzdem viel verdienen. Für viele Kreative alten Schlages war Work-Life-Balance ein Schimpfwort. [...] Ich habe immer danach gestrebt, so gerne zu arbeiten, dass ich mir über die Work-Life-Balance keine Gedanken machen muss, weil ich glücklich abends nach Hause geh – ob ich dann um 18 oder 21 Uhr nach Hause gehe, ist mir eigentlich egal. Ich erlebe schon deutlich, dass zum Beispiel auch Absolventen dieser Hochschule, die wir eingestellt haben, sehr deutlich Wert legen auf einen pünktlichen Feierabend und dann auch weg sind und zum Beispiel auch ihr Firmenhandy ausmachen, wenn man sie anruft, weil mal irgendwo was anbrennt. Das hätte es zehn Jahre früher nicht gegeben. Das wäre undenkbar gewesen, dass jemand so arbeitet. Aber das ist glaub ich eher in der Generation drin, zu sagen ›Ich sehe Job erst mal als Job und Freizeit erst mal als Freizeit‹. Früher war Designer ein Traum- beruf und deswegen war die Frage, ob es jetzt Freizeit oder Job ist, gar nicht gegeben. Das scheint sich zu ändern, aber ich kann's jetzt noch nicht abschätzen.

© 2016 Nenia Tiemeier

 

 

B. A. Kommunikationsdesign

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Diese Website entstand im Rahmen der

Masterthesis in Kommunikationsdesign an der HTWG Konstanz im Sommersemester 2016.